FREMDE - PRÄSENTATION

von Daniela Abade



Das Gefühl, nicht dazuzugehören: zu keinem Ort, keiner Gruppe, keinem Menschen. Diese eigenartige Macht, alles von außen betrachten zu können, wie ein Geist unter Leuten umher zu spazieren, die meinen, dass wir wirklich auf der gleichen Ebene existieren. Ich glaube seit jeher, dass das der stärkste Impuls war, der mich zum Schreiben brachte: die Tatsache, dass ich mich selbst in meiner eigenen Heimat als Fremde fühle. Die Merkwürdigkeit, die Distanz, manchmal sogar das durch und durch fehlende Verständnis von anderen und von dieser Welt. "Ich bin nicht von hier, ich gehöre nicht hier her, und das ist, was ich sehe."

Dennoch habe ich nie geglaubt, dass dieses Gefühl einmalig nur alleine meines ist. Was ich nicht erwartete, war, dass es so häufig sein würde. Je mehr ich lese, je mehr ich lebe, umso mehr Fremden begegne ich. Menschen, die nicht wissen, wo sie sind, auch nicht einmal, wo sie sein werden und die während sie sich auf diesem Weg befinden darüber schreiben, was sie sehen.

Es war aus dieser Erkenntnis heraus, dass ich anfing, an dieses Projekt zu denken. Da dieses Gefühl des "Nicht-Dazugehörens" unsere Kreativität so sehr bewegen kann, habe ich begonnen mehrere Autoren (Freunde oder nicht, aber durchwegs geschätzte) dazu einzuladen, noch fremder zu werden, als sie es bereits sind. Kein Schriftsteller des Projekts hat die gleiche Nationalität. Jeder wird die Stadt eines anderen Autoren des Projekts auswählen und ein Jahr lang ein fiktives Tagebuch schreiben. Der Gedanke hinter diesem Spiel ist es, die Andersartigkeit, die wir bereits in Bezug auf unsere Umgebung empfinden noch zu verstärken, um damit unserer Kreativität einen Ansporn zu geben. Wir müssen nur ein paar Regeln befolgen:

1. Die Autoren dürfen die Stadt, über die sie schreiben werden nicht kennen.
2. Die Autoren dürfen die Stadt nicht besuchen, während sie über sie schreiben.
3. Die Charaktere müssen die gleiche Nationalität wie die Autoren haben, das heißt Geschaffene und Schaffende teilen ihre Herkunft.

Ohne Diskussionen, Streit oder Kommunikation jeglicher Art waren die Schriftsteller mit der folgenden Städteaufteilung einverstanden:

Daniela Abade - Udine/Italien
Florencia Abbate - Hamilton/Kanada
Claudia Chibici-Revneanu - Santos/Brasilien
Max Mauro - Mexiko City/Mexiko
David McGuire - Buenos Aires/Argentinien
Matt Rubinstein - Graz/Österreich
Gonzalo Soltero - Sidney/Australien

Der Zustand des Fremdseins wird hier an seine eigenen Grenzen getrieben. Die Autoren werden so sehr Ausländer in den Orten sein, über die sie schreiben, dass sie die Städte nicht einmal kennen. Sie werden sie also in ihrer eigenen Vorstellung finden müssen.

Mindestens einmal die woche werden die Tagebücher online erneuert werden. Die Autoren werden in ihrer eigenen Sprache schreiben und publizieren, weswegen auch die Leser sich wie Fremde fühlen werden. Denn sie werden verstehen, was der Autor ihrer eigenen Herkunft über andere Orte schreibt, aber wahrscheinlich nicht, was von anderen über ihr eigenes Land oder ihre Stadt geschrieben wird.

Am Ende des Projekts werden alle Texte gesammelt und in jede Sprache der Projektteilnehmer übersetzt. Wir werden also eine englische Version haben, eine portugiesische, eine spanische und so weiter.

Alle Ausländer werden am Ende die gleiche Sprache sprechen. Und mit etwas Glück beweisen sie dann, dass sie trotz ihres Fremdseins ein Zuhause in ihren eigenen Worten finden können.