Claudia Chibici-Revneanu - Santos

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Der erste Kapitel

Santos

Ich habe gerade nachgesehen. Morgen vor einem Jahr habe ich dich, mein liebes Tagebuch, begonnen. So viel ist inzwischen passiert, soviel hat sich verändert...Bei dem Gedanken kommen mir ein paar Tränen. Angenehme, warme Tränen.
Ach, Tagebuch. Es war ja wohl höchste Zeit, dass ich es mir endlich eingestehe, nach der wochenlangen Müdigkeit, dem Gekotze. Wirst du es glauben? Weißt du es schön längst? Weißt du heimlich, irgendwie, alles, du mit deinem weißen und weisen Papier?
Ich bin natürlich wieder schwanger. Und diesmal - ja, so heilig war ich, in dieser Stadt der Heiligen - ist es bestimmt von B. Ha!
B.s Baby in mir. Wer hätte das gedacht! B.s Baby. Ein hübsches Baby, bestimmt. Leider wird er nie etwas wissen davon. Er wird es ahnen, vielleicht, aber dabei belassen wir es. Ich, noble Aurora, will ihn nicht in seiner so frischen, fröhlichen Ehe (sie sind immer noch auf Hochzeitsreise, die drei!) mit dieser Nachricht stören. Ich will sowieso keine Familie mit ihm. Ich will sowieso keine Familie, im klassischen Sinne. Mit Frau kauft und kocht, Mann mordet (oder arbeitet) und betrügt und so weiter. Oder wie auch immer.
Allerdings will ich, vielleicht - ja, ich glaube, das will ich wirklich - RR fragen, ob er das Kind, zumindest eine Zeit lang gemeinsam mit mir großziehen will. Das wäre doch was, oder? RR und ich, vielleicht mit einem kleinen Mädchen? Oder einem Jungen? Beide in dem Rüschenkleid, das mir RR seinerzeit geschenkt hat, für einen Namen, den ich nun nicht mehr nennen werde. Nur eine Zeit lang. Um zu...heilen?
Oder in Ruhe zu feiern. Ich bin schwanger. Ich bin schwanger. Ich bin schwanger. Und diesmal freue ich mich - fast sofort - auf das Kind :)

Naja. Und sonst? Von dem Barmenschen noch nichts gehört, aber irgendwie habe ich Hoffnung. Irgendetwas wird sich schon ergeben. Wenn nicht dort, dann eben wo anders. Kannst du es glauben, wie hoffnungsvoll und - schrecklich - schön - positiv ich heute bin?

Ach, Tagebuch. María und co. sind vorgestern abgereist. Nach Deutschland. Sie waren ganz aufgeregt. María freute sich auf die ganzen Würste, die sie dort essen wird, und ihre Schwester freute sich bestimmt auf all die deutschen Philosophen. Auf was sich Fritz und Augusto freuten, weiß ich nicht, Fritz wohl auf viel Sex mit einer kessen Brasilianerin und Augusto auf neue Geschmacksrichtungen seiner Breigläschen, was weiß ich. Aber jedenfalls - ich, persönlich - hätte mich auf gar nichts gefreut. Auf nichts in Deutschland oder meinem geliebten (hm) Heimatland, Österreich. Ich freute mich, als ich sie gehen sah, aufs Hierbleiben. Ob du's glaubst, oder nicht.

Santos, Santos, Santos. Jetzt fange ich doch richtig zu weinen an. Was du mir alles gegeben hast. Was du mir alles geklaut hast. Du elende, schöne, graue, glänzende Stadt und dabei kenne ich, elende, selbst-bezogene, ehemals (!) M.-bezogene noch nicht einmal ein Viertel von dir, von deinen Schönheiten, Hässlichkeiten, Langweiligkeiten, von all deinen vielen, zu vielen Geheimnissen. Und du kennst so viel von mir. Hast mich, in mehr als einem Sinne, nackt gesehen. Ha!
Aber ich habe jetzt Zeit. Ich habe ja immer Zeit. Und ich werde dich auch noch besser kennenlernen, Santos. Auf meine Art. Dich langsam ausziehen. Auf unsere Art. Mein Baby (vielleicht mit RRs Hilfe) und ich.

Auf jeden Fall, vielen Dank, liebe Stadt. Muito obrigada. Oder wie auch immer es heißt. Und auch dir Tagebuch. Ich bin jetzt in Hochstimmung. Ich bin in Bauchstimmung. Gleich kotze ich wieder.

Aber macht nichts. Das wären wir ja schon gewöhnt.

Alles, alles Liebe.

Aurora xxx

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