Der erste Kapitel
Die Wahrheit
Tagebuch. Ich bin so müde, dass ich mich kaum noch aufrecht halten kann. Ich fühle mich so...ich weiß es nicht. Belastet. Erleichtert. Wütend. Traurig. Aber immerhin, irgendwie, innerlich freier oder frei...
Wo soll ich anfangen? Mit dem, das einfacher zu erzählen ist. Was mich ein bisschen ablenkt und - naja, als los: Ich habe mich diese Woche mit dem Barinhaber getroffen und vorgesungen. Es war eine richtige "Audition", noch drei andere Frauen waren dabei. Sie sangen ganz gut. Ich weiß nicht, ob besser oder schlechter als ich. Ich weiß nicht, was besser oder schlechter sein soll. Er hat gesagt er meldet sich. Er hat mich freundlich angelächelt dabei. Er hat gesagt, er braucht nur noch etwas Bedenkzeit...Also mal sehen. Ich habe ein gutes Gefühl deswegen, was irgendwie ein Wunder ist. Dass ich, angesichts dessen, was ich dir jetzt erzählen werde, noch ein gutes Gefühl wegen irgendetwas haben kann.
Also. Ich habe Markus wieder gesehen. Es hat sich alles so ergeben: Er hat die Psychotherapeutin vorgeschickt. Sie tauchte gestern plötzlich, als RR bei der Arbeit war, in ihrer (heute wieder sie, denn ich habe nun endgültig Angst vor Männern!) Wohnung auf. Sie sagte, es tue er leid, dass sie mich hintergangen habe, das sei sonst nicht ihre Art (!). Sie sagte mir auch, ihr sei in der Therapie aufgefallen, wie nötig ich ein positives Introjekt brauche (was auch immer das heißt) und sie hoffe aufrichtig, dass ich jetzt auf dem richtigen Weg dazu bin, eines aufzubauen, ob mir wohl dieser Transvestit dabei hilft?
Sie stand in der Tür, als sie das alles daherfaselte, ein bisschen zu schnell und ich antwortete ihr nicht. Dann fragte ich sie nach ihrer Freundin. Ob sie diesmal eine Ausstellung mit toten Fröschen in Nationaltrachten vorbereitet. Ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe. Ich weiß nicht einmal, warum ich das gedacht habe. Es rutschte einfach so aus meiner Seele, meinem Mund (beide etwas verwirrt, das gebe ich zu) hinaus.
Die verlogene Psychotante sah mich ebenfalls etwas verwirrt an. "Wie bitte?" fragte sie.
"Markus ist ein Krimineller", sagte ich dann und ich wusste nicht, wo das schon wieder herkam. Aber es war wenigstens die Wahrheit. "Und sie beide sind elende Schlampen. Ich wünsche Ihnen viel Spaß."
Ich wollte die Tür zu werfen. Aber ich tat es nicht. Ich starrte sie nur an und mir wurde schlecht.
"Komisch, dass sie Markus erwähnen," sagte die Psychontante. "Genau deswegen bin ich nämlich gekommen. Markus ist hier. Er möchte unbedingt mit Ihnen reden. Bitte, akzeptieren Sie. Es ist sehr, sehr wichtig für ihn."
Und ich akzeptierte. Und die Psychoschlampe verschwand, hoffentlich für immer - mit ihrer Konzeptkunstfreundin - aus meinem Leben.
Fünf Minuten später - genau genug Zeit, damit ich schnell aufs Klo laufen und einmal kotzen konnte - kam dann Markus an RRs Tür.
Ich grüßte ihn kaum. Wir gingen, auf seinen Vorschlag hin, spazieren. Er wirkte immer noch geknickt. Er erzählte mir die folgende Geschichte:
Er hat Sebastian umgebracht. Ja, er hat ihn umgebracht und während er das gestand, weinte er und weinte und sagte, nie hat ihm etwas im Leben so leid getan. Er war schon so lange nicht mehr von unserer Beziehung überzeugt gewesen. Er hatte auch überlegt, mich umzubringen, aber das erschien ihm dann zu kompliziert (!). Außerdem hatte er sich so sehr eine Tochter gewünscht und vielleicht hätte ich die dann zur Welt gebracht. Aber einen Sohn - er konnte einfach nicht. Vor allem keinen Sohn mit mir. Wir passen nicht zueinander. Jetzt noch weniger als zuvor. Ich solle das als Kompliment sehen. Er ist ein hoch intelligenter aber auch ein bisschen verkommener Mensch und ich bin zwar dümmlich, aber weniger verkommen. Ich hätte mich richtig "gemausert" in Santos. Nicht, dass ihm das gefiel. Es machte mich viel unattraktiver, meinte er. Diese neuen, beinahe selbständigen Tendenzen. Aber wie auch immer, als das Kind dann kam - es war alles mit dem Arzt etc. abgesprochen - ging er schnell in ein anderes Zimmer, brach ihm den Nacken (den Nacken! Oh, ich könnte ihn töten, mir wird schon wieder schlecht, ich muss kotzen, ich war kotzen, dieses MONSTER!!!!!!!!!!!!!!) und dann erfanden sie einfach irgendeine medizinische Erklärung, um mich und die Welt "ruhig zu stellen".
Und dann hätte er glücklich weiterleben wollen. Aber das konnte er nicht mehr. Zum ersten Mal in seinem Leben tat ihm etwas leid.
Aber weißt du was: Ich werde jetzt aufhören von ihm zu schreiben. Ich hab genug Zeilen, Gedanken, Kräfte, Seufzer, Hoffnungen, Leid, Körper, Liebe, Freude, Wut, Papier etcetc. verschwendet, an dieses ekelerregende, ekelerregende Monster. Sebastian wäre sein Sohn gewesen. Ein Halbmonster. Ein Monstersohn. Ich werde das niemals wirklich glauben, ich kann es nicht, aber lass es mich einmal schreiben: vielleicht war es besser so.
Oh, Markus. Reumütiger Markus, wie hässlich du warst, wie hässlich du bist. Wie hässlich selbst deine Gewissensbisse, wie wenig sie mir bringen. Außer das: dein Gewissen hat dich nun endlich aus meinem Leben gebissen. Alle Bande zwischen uns zerstört.
Ich hörte ihm noch eine Weile zu. Ich weinte oft. Mir wurde oft schwindlig. Ich sagte fast nichts. Er erwartete sich nichts von mir. Ich, Aurora, die Gemausterte, war plötzlich seine Beichtschwester. Das war bestimmt die Idee der Psychotante gewesen. Damit er sie am Abend wieder unbeschwerter, fröhlicher ficken kann. Bis er auch sie und die Künstlerin umbringen will. Und ihre ungeborenen, gerade geborenen Kinder.
Markus. Genug.
"Danke fürs Zuhören," sagte er am Ende, wieder vor RRs Wohnung. Ich spuckte ihm ins Gesicht. Er zuckte nicht einmal zusammen. Er nickte einfach, beinahe freundlich, drehte sich um und ging. Und dann verschwand er, Mörder, hoffentlich für immer aus meinem Leben.
Aurora xxx
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