Der erste Kapitel
Hoch-zeit?
Liiiebes Tagebuch,
Hier bin ich. Einen Tag nach B.s romantischer Strandhochzeit und es gibt viel zu erzählen. Zunächst einmal trug ich ein wunderschönes Kleid und wurde von RR begleitet, der diesmal - mir zu Ehren, damit ich nicht ohne Begleiter erscheinen musste - als Mann ging. Ich glaube, wir waren ein sehr beeindruckendes Paar. Dabei war RR irgendwie traurig, ich weiß auch nicht, er/sie hat mir so oft geholfen, aber in den letzten Tagen macht er mir ein bisschen Sorgen. Er sagt, ihm gehe langsam die Kraft, die er von seiner großen Veränderung geschöpft hat, aus und er braucht wohl etwas Neues, eine neue, radikale, Umstellung, von der er wieder einen Energieschub bekommt. Er sagt, es gibt etwas wie eine "wilde Freude der Veränderung", in der man sich über Alltäglichkeiten freut, nur weil sie zufällig das Gegenteil sind, von dem, was vor ihnen kam.
Naja. Wie auch immer, jedenfalls waren wir ein schönes, wenn auch halb trauriges und halb müdes (ich habe wirklich fast permante Erschöpfungserscheinungen, momentan) Paar. Was selbstverständlich half, der strahlenden Braut, mit ihrer Laura auf einem und B am anderen Arm entgegen zu treten und ihr auch noch, mit zwei Küsschen auf der Wange, zu gratulieren. Sie sah wirklich so glücklich aus, es war kaum vorstellbar, dass sie sich vor nicht gar nicht so langer Zeit noch umbringen wollte!
Naja. B. B, B, B. Jetzt ist es wohl vorbei mit uns? Und wir hatten gar kein "Abschiedstreffen" mehr, weil ich so wenig in meinem Hotel war...
Als wir (gemeinsam mit María, klein Augusto, Fritz, Marías Schwester und noch ein paar Unbekannten, von denen sich einer als sehr wichtig herausstellte) an einem Tisch saßen, sah ich B. und der ihm immer mehr zur Ehefrau werdenden beim Tanzen zu. Sie sahen schon irgendwie verliebt, wenn auch ein wenig Hochzeits-gestresst aus.
Ich fragte mich, ob ich eifersüchtig war, so richtig eifersüchtig, wie auf Markus mit seinen zwei Furien. Aber das war ich nicht. Ich denke, ich hatte jetzt genug Sex mit B. und auch wenn er bald ein bisschen mit mir ehebrechen möchte, so werde ich ihm das nicht mehr erlauben. Ich weiß es nicht.
Ich mag ihn, sogar sehr, ich fühle mich ihm sogar nahe, auf eine andere Weise als RR. Weil wir unsere Körper gut kennen. Da kommuniziert man immer ein paar geheime Dinge, wichtige Dinge, die sich in Worten oder Gedanken gar nicht erst erfassen lassen. Manchmal wissen unsere Zehennägel wohl mehr über uns, als unser - wie soll ich es nennen - Bewusstsein? All dieses Wissen teilen wir also, B. und ich, aber dennoch verbindet und nichts, was - und hier meine 3. Verbindungstheorie des Tages (ich werde ja richtig philosophisch!)- bis in die Eingeweide geht. So wie bei mir und Markus.
Aber manchmal - und das habe ich inzwischen auch kapiert - sind es Schmerzen, die diese Eingeweidsverbindung erschaffen. Weil wir so viel Wut und Trauer über einen Menschen hinunterschlucken, dass dadurch - versehentlich - unser Rachen und unser Magen und Darm und was weiß ich noch was alles in den Farben dieses Menschen getränkt wird. So dass wir uns eben, bis in unseren Blinddarm hinein, mit ihm verbunden fühlen. Aber das ist nicht genug. Oder zuviel. Oder beides.
Aber ich bin vom Thema abgekommen, von B. und mir und der Hochzeit. Also sah ich ihm beim Tanzen zu und beschloss ihn "loszulassen". Und bei dem Gedanken wurde mir kurz so schlecht, dass ich schon wieder kotzen musste und dann war es vorbei. Und dann tanzte ich mit RR. Und dann redete ich mit María, die freudig verkündigte, dass Augusto, Fritz und sie bald nach Deutschland ziehen wollen. Sie fragten mich sogar, ob ich mitkommen will. Auch Marías Schwester hat Interesse bekundigt, in das Land der "Rationalität des Nordens und der Körper der Kälte" (so ungefähr ihre Worte) auszuwandern. Naja. Vielleicht gehen sie also bald alle weg. Mir soll's recht sein. Ob ich mitkomme? Hm...
Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht.
Vor allem nicht, nachdem was noch auf der Hochzeit passiert ist...Also, wie du weißt, hatte mich B. ja gebeten zu singen. Und ich sang. Zwei Lieder. Und, ich glaube, gut! Ich war diesmal nicht in unverkrampfter Trance; ich war auch ein bisschen nervös. Dennoch hatte ich, glaube ich, eine neue Sicherheit und schon beinahe so etwas wie Routine. Ich sang "I Will Survive", natürlich nicht passend zu einer Hochzeit, aber doch durchaus passend zu mir. Und dann - um nicht völlig der Themenverfehlung angeklagt zu werden - die Kitschnummer "Love Changes Everything". Dabei stellte ich mir nicht vor, dass Liebe alles veränderte und verschönerte, sondern einfach, dass ich ein herrlicher Musicalstar war und das machte auch Spaß.
Und...tatarata....danach kam einer der "Unbekannten" an unserem Tisch auf uns zu. Und sagte: "Gut war das", muito bem. Ha! Und ich sagte, mit meinem immer besser werdenden Portugiesich (dank RR): "Muita obrigada". Und dann erzählte er mir, dass er eine Bar habe und dass sie gerade eine Sängerin suchen, ob ich nicht Interesse hätte??? Ha!!!!!!!!!!! Ich kann es immer noch nicht fassen. Das ist, um mich wie der liebe Fritz aus Hamburg auszudrücken, ja wohl GENIAL! Ok, es ist noch nicht sicher, ich weiß nicht, ob noch ein paar andere zur Auswahl stehen, auf jeden Fall werde ich ihn am Montag treffen! Kannst du es glauben? Es ist, als habe diese komische Bitte ans Schicksal damals funktioniert! Lang lebe Marías Schwester für diesen Vorschlag! Lang lebe sie, am besten im Land der Kaltkörper, in das sie vermutlich bald emigriert.
Deine,
Auroraxxx (Am Rande einer Hoch-zeit?)
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